Kirchturmuhren können nicht lügen. Die Zeit ist auf 05:05:00 stehen geblieben. Der erste Marathon seit mehr als einem Jahr war eine arg langsame Runde.

Ich hatte 9 Wochen Zeit für das Unternehmen. Die Rippenverletzung war auskuriert, der letzte Wettkampf grandios in den Sand gesetzt und das Lauftraining hatte sich irgendwie auf maximal 15km pro Woche eingependelt. Verschiedene Einheiten, mal Sprint, ganz kurz mit fünf, sechs Wiederholungen, mal hügelig, mal flach, aber keine Umfänge, wie man sie für einen Marathon haben sollte. Das änderte sich mit der ersten Woche des Railway-Run-Projektes. Bis 40km an drei Tagen, direkt hintereinander, dann Ruhetage bis zur nächsten Session. Der erste Lauf war immer der längere und fühlte sich auch immer recht gut an. An den Ruhetagen stand manchmal Stabitraining auf dem Programm, aber leider nicht konsequent genug umgesetzt. Nach vier Wochen wurden die Läufe länger. Der Umfang lag bei 50-60km und nach jedem Lauf ein Ruhetag, keine Blöcke mehr. Drei Wochen in diesem Stil bis maximal 80km pro Woche. Hügelig und flach wechselten sich immer ab. Das Stabitraining fand allerdings nicht mehr statt, was mich schon ärgert. Es liegt an dem Schweinehund, der immer dabei ist, vielleicht. Mein Schweinehund hat auch eine Erklärung. Um Ablenkung vom Alltagsgeschäft zu haben und irgendwelchen Stress abzubauen, läuft man. Mit Gymnastik wird das kaum funktionieren und Schweinehund trifft immer die Entscheidung. Die Richtung der Entscheidung zeigt immer auf die Laufschuhe, nie in Richtung Strecken und Dehnen und Biegen. Es ist nicht gut, wenn der Schweinehund die Ziele so definiert.
Ein langer Lauf war dabei. 32km auf der Railway-Strecke. 16km bis zu einem mental wichtigen Punkt und dann zurück, in einem infernalischen Regen. Kalt, naß, windig. Das Wasser sammelte sich in den Ärmeln meiner Regenjacke. Ich musste die Ärmel hochziehen, damit die Arme nicht zu schwer wurden. Die Kälte schob sich in den Körper, die Schuhe trieften bei jedem Schritt.

Training ist manchmal hart.

Die letzten zwei Wochen waren wieder ganz entspannt bis maximal 20km pro Woche und in nur einer Einheit.
Und nun der Railway-Run-Ruhr. Regenwetter war angesagt. Temperaturen um 9°. Quasi, optimal also, man ist ja zufrieden, wenn es keinen Schnee gibt.
Zwei Trinkflaschen Schweineplempe sollten ausreichen, mußten ausreichen, weil ein Supporter-Trolly nicht in Frage kam. Ab in den kleinen Rucksack mit den Flaschen, Regenjacke und Ersatz-T-Shirt, vorsichtshalber wasserdicht verpackt und fertig war der Race-Bag. 2kg extra.

Kirchturmuhr mit Startzeit 09:25
Startzeit 9:25


Der Wecker gab das Startsignal. Schock. Die Nacht war nicht lang, hatte doch unser ehemaliger sportliche Leiter, von unserem niedlichen Club, am Abend zuvor zur Geburtagsparty geladen. Leckere Sachen, Wein und typisch italienisches standen auf dem Buffet. Nettes Ambiente inklusive. Da sagt man doch nicht nein, bei so einem exklusiven Carbon-Loading. Ok, dem Tiramisu konnte ich gerade noch ausweichen, als mir einfiel was 10h später auf der Tagesordnung stehen würde. Die Nudeln mit Lachs wurden weggefräst. Lachs ist eigentlich nicht so mein Fall, doch wollen wir jetzt nicht zimperlich sein. Nun die Party war irgendwann zu Ende, leider, was auch der Wecker unmißverständlich unterstrich. Die Ränder unter den Augen verschwanden, sobald man nicht mehr in den Spiegel schaute.
Packen und Banken war angesagt. Vor die Schweineplempe kommt immer noch eine Ladung Haferflocken, ein paar Haselnüsse und Milch in den Tank. Damit das nicht an den Wänden kleben bleibt noch ein Eßlöffel mit Rosinen. Ach genau, Schweineplempe wird genau dann trinkbar, wenn man ein paar Spritzer Zitrone hineingibt. Also eine Zitrone häckseln, verflüssigen und rein damit.
Es geht los. Ein Starter an der Startline: 100% der Gemeldeten waren also bereit. Das Wetter: Trocken, unfassbar, sollte es doch zu 100% regnen. 100% sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.


Die ersten 2km geht es heftig bergab, danach 1km eben, dann wieder rauf. Nach 5km schon gefühlte 100Höhenmeter. Herrje, die Beine meldeten sich schon an. Sie hatten ein Gedächtnis entwickelt, das genau 24h zurückreichte.
Al Presidente von unserem niedlichen Club hatte geladen. Ausgerechnet 24h vor dem Mega-Event. Das Thema: Wohnungsauflösung. 3. Stock. Da erscheint man dann mit höflicher Unpünktlichkeit, nutzt das Treppenhaus für ein kleines Warmup auf den nächsten Tag und stellt fest: Das Warmup wird wohl wiederholt und die zwei gigantischen Schränke, nebst Einbauküche und Teppichen werden dabei jeweils in kleinen Stücken zerlegt auf Etage 0 verfrachtet. 33 Warmups in die 3. Etage in 3 Stunden hinterlassen einen bleibenden Eindruck.

Ab 6km konnten solche hinterlassenen Eindrücke noch wohlwollend ignoriert werden. Die nächsten 10km sollten flach sein. Flach mit stetiger leichter Steigung, kaum sichtbar, aber verdammt es ging die ganze Zeit nach oben. Bei 9km kurzer Stop. Die erste Schweineplempe musste aus dem Gepäckfach nach vorne in den Wind. Der nicht fühlbare 100%ige Regen hatte sich in einen fühlbaren Gegenwind umgewandelt. Was für eine Schikane. Auf der Strecke keine Abwechselung, für die herrliche Landschaft keinen Blick. Nur diese kleinen angeleinten Minenleger waren unterwegs. Jedesmal springt man im Dreieck, wenn sie unvermittelt angreifen. Es schmerzt bestimmt sehr, wenn diese kampflustigen Lautsprecher in eine harte Wade beißen und sich die Zähne abbrechen.
16km das erste Etappenziel war erreicht, 4min hinter dem Plan, alles ok, Gründe für die Planabweichung gab es genug. 2km weiter ein wenig Eiger Nordwand, so im Hamburger Stil, und der erste Gipfel war erreicht. Wieder 5km flach, dann nochmal Eiger Nordwand, diesmal auf Geröll, dass sich schön durch die weichen Sohlen drückt.
Die Schweineplempe wechselte vom rechten Flaschenhalter in den linken, dann an der Absaugstation vorbei und verdünnte ganz langsam den Chardonnay. Schade eigentlich, der war lecker. Zwei Flaschen, nicht Chardonnay, Schweineplempe, von 10km – 30km, danach irgendwie so durchkommen, so der Plan. Es war immer noch, sagen wir mal, kühl, so dass der Plan mit der Schweineplempe gut war.
21km und gleichzeitig der höchste Punkt. Von nun an ging es bergab. Schlimmer als Gegenwind. 5km bergab, kaum zu glauben, aber das beeindruckte. Die 33 Warmups nach hoch oben in die 3. Etage waren nicht die Hinterlassenschaft. Die 33 Frachtfahrten nach unten waren wohl das, was jetzt zu wirken begann.
25km, es wurde wieder flacher und die erste Schweineplempe war abgesaugt. Boxenstop und Tankwechsel. 26km, ein flaches Stück und doch Krampfansätze in beiden Flaschenhaltern. Die Bizeps streikten, wohl doch geschädigt. Das gibt Gelächter, wenn ein Marathon wegen Problemen in den Armen ein jähes Ende findet. Ne, das darf jetzt wirklich nicht passieren. Außerplanmäßiger Boxenstop und die Hälfte der Plempe zurück in die zweite Flasche. 27km, die Flaschenhalter angeschlagen, aber noch einsatzfähig. 30km, geplanter Boxenstop, kurze Standortmitteilung an die Rennleitung, 3h Rennzeit, das sieht gut aus. Die nächsten 100m 25% Gefälle, uhh das tut weh. Ein Jogger kommt von unten entgegen. Unklar, wer wen mehr bemitleidet. Die nächsten 5km flach auf Splitboden, doch die Stimmung sinkt. Bei 35km wieder Boxenstop, die Ruhr muss überquert werden und die Fähre ist auf der anderen Flußseite. Warten. Kalter Wind weht herüber. Warten. Die Uhr zeigt 03:37:00, ups, die letzten Kilometer waren ziemlich langsam. Die Fähre ist angekommen, es ist richtig kalt auf Deck. Die Beine bewegen sich nicht mehr so richtig, dann eben Dehnen und Biegen, während der Überfahrt. Oh je, das lockere Gefühl ist über Bord gegangen, der Landgang sieht ungewöhnlich ungeschmeidig aus, die Beine knüppelhart, laufe auf dem Vorfuß und versuche Millimeter für Millimeter die störrischen Muskeln zu besiegen. 36km, ich ahne den Kampf um die Bewegungsfreiheit zu verlieren. 37km, ich habe verloren, ein Knie meldet sich und moniert die nichtartgerechte Nutzung. Ich werde weich, zurück in den ersten Gang, denn Kniee haben historisch bedingt immer Recht. Gehen ist angesagt. 38km, und Gehen, grausam. 38.202,23km, ab jetzt wird in Zentimetern gemessen. Katrin, aus unserem niedlichen Club, kommt mir entgegen. Sie erzählt von Dubai, wo sie starten möchte. Ich bilde mir ein, die Wärme könnte mir helfen, Einbildung, es bleibt kalt. Kurzer Chat, sie läuft weiter und ich würge den ersten Gang rein. 39,4km, komme an einer Cafe Station vorbei. Ein betörender Duft nach leckerem Kaffee liegt in der Luft, nein, hier wird nicht gestoppt, es lauert noch die Blankensteinerwand.

Man ist immer so grausam zu sich selbst.

40km, letzte Meldung an die Rennleitung, dann die Blankensteinerwand, ohne besondere Vorkommnisse, mir wird wieder warm, nur über den zweiten Gang komme ich nicht mehr raus. Das Ziel. 05:05:00, die Uhr bleibt stehen.

Zielzeit 14:30

Es war schön, es war grausam, es war trocken, er was zu kalt, es war der erste Marathon seit Kona. Kona war irgendwie einfacher.

Nach dem Marathon ist vor dem Marathon und der nächste Trainings-Plan steht:

1 Woche relaxen,
2 Wochen reinhauen,
1 Woche ruhig, Halbmarathon-Wettkampf,
1 Woche reinhauen, 15km-Straßenlauf,
2 Wochen ruhig und Railway-Run-Ruhr reloaded.
Ich freue mich schon drauf, kaum zu glauben, bekomme den Hals nicht voll.

A-Triathlet 🙂

Äh, Freunde: Umzüge und Wohnungsauflösungen, ja, aber nur noch als Kommandoführer.

Frankfurt, preview …
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