Training ist gefährlich. A-Triathlet wollte seinen Trainingsplan einhalten und hatte sich eine verkehrsberuhigte Runde mit vielen schönen fetten Radwegen ausgesucht.

Es ist nicht immer ganz einfach, tolle Routen zu finden, besonders wenn es 170km sein sollen. Ein paar Ortsdurchfahrten sind immer kritisch, aber das wird passen. Der Tag nahm seinen Lauf, A-Triathlet guter Dinge, es waren schon epische 50 Einheiten verpackt. Auch der Tacho war in voller Konzentration dabei, endlich konnten wieder richtige Zahlen verbucht werden und nicht nur die klassische 0000.
Alle guten Radwege enden am Ortseingangsschild. So auch auf dieser Runde, aber kein Problem für A-Triathlet, die Umweltsensoren arbeiteten störungsfrei, dann wird eben Straße gefahren. Kaum sieben Radlängen hinter dem Ortseingang apokalyptische Fanfarenklänge von hinten.
A-Triathlet, der bei jedem Rollentraining auch diverse Geräusche studiert, erkannte sofort den Unterschied zwischen freundlicher Begrüßung durch Abfeuern von Fanfarenklängen und aggressiver Bevormundung durch die örtliche Bürgerwehr und einer unter einem Fahrzeug angebrachten rostige Tröte. Das Störgeräusch der Tröte wich einem hilflos lauten 4-Takter, der nun dazu ansetzte von hinten-links nach vorne-links zu überholen. Auch A-Triathlet muss neidlos anerkennen, dass zum Überholen eines Radfahrers kaum mehr als 2PS notwendig sind und hier mindesten 80PS freigelassen werden. So sollte das Manöver gelingen als sich plötzlich die Situation dramatisch veränderte. Eine Fußgängerampel wechselte auf Rot, möglicherweise aufgeweckt durch die Fanfarentöne aus der rostigen Tröte. Sieht ahnte nicht welche Gefahr sie heraufbeschwört mit ihrem simplen Wechsel der Gesichtfarbe. Die Bremswege werden knapp als die Tröte von linke-vorne nach vorne-rechts zieht und erst mit Bordsteinkontakt wieder in die geplante Fahrtrichtung schliddert. Wieder so eine Situation, die im Rollentraining nicht auf dem Programm stand. Unvermittelt auftretende Hindernisse stören einen Rollentrampler nicht. Jetzt hatte A-Triathlon alle Register seines fahrerischen Könnens zu ziehen, gleichzeitig begann er schon die Ballistik seiner Flugbahn zu berechnen, als es ihm gelang links vorbei bis auf gleiche Höhe vorzuschießen. Die Fußgängerampel Rot, Situtation beruhigt, alles gut, stabile Seitenlage, Ruhe bewahren.

Das Surren eines elektrischen Fensterhebers von rechts, aus der Richtung wo nun die Tröte parkte, ließ A-Triathlet zur Seite schauen und erstarren.

„Der Radweg is daaaaa !“

Schäpperte es zwischen den künstlichen Zähnen einer 28-er Prothese hervor, die nur noch halbfest in einer Kieferfelge steckte und so weit auseinandergerissen war, dass A-Triathlet die Scharniere erkennen konnte. Kaum zu glauben, dass das Dingen sich nicht in dem Carbon seines Time-Trial-Race-Bikes festgesetzt hatte. Zur optischen Verstärkung des „daaaaa !“ fuchtelte die Tröte mit ihrem knöchernen Mittelfinger in der Nähe der Nasenlöcher ihres Beifahrers rum. Aha, der Wink mit dem Holzstock geht also nach rechts.

A-Triathlet immer noch in Schockstarre analysierte die Aussage und fuhr in seiner bordeigenen Tri-Pro die letzten Meter, zur Begutachtung der Beschilderungen, zurück. Das Fenster zur Tröte hatte sich wieder geschlossen als er ein ungläubiges „Neee!“ absetzte, „kann nich sein!“

Der Fensterheber entließ die Scheibe im freien Fall nach unten, die Tröte öffnete sich, der Beifahrer ging in Deckung, A-Triathlet klammerte sich an den 7kg Carbon fest:

„Was glaubste wer du bis, der Radweg is daaaa !“

„Radweg? Diese mit Kreidestrichen abgesteckte Schlittenspur ist ein Radweg ?“

Die Situation wurde durch die Ampel blitzschnell aufgelöst. Gelb, Grün, A-Triathlet entschied sich für ein „All out now“ zumindest mal für 10m und gab ein „Go“ an alle Einheiten aus. Die Tröte steckte in nichts nach, nur die Ausführung unterschied sich. A-Triathlet, der diese „All out now“ unzählige Male auf der Rolle trainiert hatte, setzte sich in exakt und aufeinander abgestimmter Motorik in Bewegung. Die Tröte trat wie der Organist einer Dorfkirche alle Register gleichzeitig. Gaspedal, Bremse und Kupplung. Die Anweisung für das Fahrzeug total eindeutig. Maximaler Stillstand, maximale Drehzahl, maximale Lautstärke.
A-Triathlet hatte nicht einmal 50% der Triebwerksleistung für „All out“ erreicht, als er feststellen musste: Fehlstart, nur wer? Er zog in die potentielle Abschußlinie der Tröte um sich auf den Schlittenweg zu retten.

Vor dem Seniorenheim Tarantulla hatten sich die alten Herren und Damen versammelt, um im frühsommerlichen Sonnenschein auf den zahlreichen Bänken ein wenig zu Chatten und die Zeit bis zum Nachmittagskaffee zu vertrödeln. Die meisten hatten ihre Rollatoren in Richtung Straße ausgerichtet und die Rent-Pros eingeschaltet. Direkt vor ihnen lag der Fußgängergängerüberweg, der erst in der letzten Woche eine Ampelanlage erhalten hatte. Seit dem Tag traten viele der Seniorenheimbewohner in den Runnersclub „Schnelle90er“ ein, da ihr letztes Ziel im Leben war, die Ampel während der Grünphase zu überqueren.

Als A-Triathlet den avisierten Schlittenweg scannte und auf Tauglichkeit prüfte erschienen zahlreiche Rollatoren in seinem bordeigenen Streckenradar. Der Infrarotsensor meldete Panzersperren ähnliche Krückstockpalisaden, was A-Triathlet innerhalb weniger Millisekunden nun schon zum zweiten Mal zu einer erheblichen Kurskorrektur zwang.

Scheiße! Pest oder Colera. Nein keine Krücke im Carbon.

Er entschied Pro-Senioren und riss das Carbon zurück in die Abschußlinie der Tröte. Alle Aggregate liefen noch im „All out“ und trieben den Carbonrahmen auf Fluchtgeschwindigkeit an. Aus den Augenwinkel sah er die unzähligen, im Zeitraffer laufenden Rent-Pros, die seinen „All out“ Start minuziös aufzeichneten. Schon dachte er dran sich einer der Aufzeichnungen für seine Strava Inc. zu sichern, als die Lage hinter ihm außer Kontrolle geriet.

Die Tröte hatte es geschafft das Getriebe mit in den geplanten Blitzstart zu integrieren, was dazu führte, dass bei maximal drehendem Motor eine maximal angetriebene Hinterradachse ein maximales Drehmoment auf die unterbelichteten Räder ausübte. Die Reifen, gerade durch die Bremsen zurückgehalten, wurden nun genötigt eine unglaubliche Beschleunigung umzusetzen. Das Getöse der quietschenden Reifen wurde nur durch das schräddernde Geräusch überboten, dass entsteht, wenn metallische Rohre, Überreste eines Rollators, über Asphalt geschoben und zermalmt werden.

Herbert Karulewski, Bewohner des Seniorenheims Tarantulla, hatte mit seinem Krückstock, aus demselben Hause, wo er früher seine Baseball-Schläger kaufte, hatte also mit seinem Krückstock, den Rollator seines Mitbewohners Karl Katzlevski gekonnt in den letzten Sekunden der Grünphase über den Fußgängerübergang geschickt. Just in dem Augenblick als die Tröte endlich Geschwindigkeit aufnehmen konnte.

A-Triathlet nahm keine Notiz von der geänderten Lage, er war damit beschäftigt seine Aggregate auf Normalbetrieb zu drosseln, machte sich auf die letzten 120km und ließ den warmen Frühjahrswind um die Messerspeichen säuseln.

Stunden später geriet A-Triathlet unverhofft in den Mittelpunkt, allerdings in Abwesendheit, als die Senioren während des Nachmittagsplausches bei coffeeinfreiem Kaffee und Beerdigungstorte, die mit den Rent-Pros aufgezeichnete Scene, in Super-Slow-Motion phrenetisch bejubelten, wie ein Time-Trail-Race-Bike eingesetzt wird um ein 28-er Gebiss in dem geschrädderten Rollator von Karl festzusetzen.
Jupp Fresemann war der unerwartete Star des Nachmittags mit seiner selbstgeschriebenen Android-App: Ampelsteuerung für Senioren.

Die Strasse ist für alle da!

A-Triathlet 🙂

Radweg, is daaa !
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