Bike Art

Training ist hart. So auch an diesem Tag im frühen April. Die Sonne lächelt allzu verschmitzt im allzu blauen Himmel.

A-Triathlet traut der Sache nicht, es könnte eine Finte sein und entscheidet sich für Handschuhe, Sturmhaube, Beinlinge und Neo-Jacke. Wer will um diese Jahreszeit schon auf dem Rad frieren. A-Triathlet nicht. Ihm ist bewußt, dass seine Umweltsensoren mit dieser Bekleidung so gut wie eliminiert sind. Das bedeutet, die Wahrnehmung von Geschwindigkeit, Trittfrequenz und Außentemperatur ist stark beeinträchtigt. Zusätzlich ist das Eigengewicht um 52,7g erhöht, aber es soll ja Training sein.

Training ist angenehm. Die Temperaturen sind höher als erwartet, die Sonne brennt richtig in das weiße Wintergesicht, eigentlich ist es zu warm zum Trainieren. Die Kette surrt wie eine Nähmaschine, die Laufräder emittieren diesen hölzern klingenden vertrauten Sound und der Carbon-Rahmen schneidet den Wind wie ein Überschallflieger. (Anmk. d. Red. : nicht „der Wind“, „die“, „die Windstille“ muss es heißen). A-Triathlet fühlt sich gut, auch wenn die Bordelektronik noch im Winterschlaf ist und das Odometer immer noch satte 0000 anzeigt. Eine neue PowerZelle wäre notwendig um die Zahlen etwas höher zu schrauben.

Training ist langweilig. Um der Langeweile auszuweichen beginnt A-Triathlet mit kleinen Rechenübungen und Schätzungen über die momentane Reisegeschwindigkeit. Plötzlich … der Klang der Messerspeichen verändert sich minimal, aber doch gerade noch eben wahrnehmbar für den A-Triathleten. Ein aufkommender Luftdruck von der linken hinteren Seite läßt ihn unverzüglich das Mathematik-Semester abbrechen. A-Triathlet bereitet sich instinktiv auf einen aerodynamischen Impuls von Links vor, der ihn nicht aus der von Google-Earth in Zusammenarbeit mit Strava Inc. durchgeplanten Spur drücken soll. Diese blitzschnelle Reaktion ist das Ergebnis jahrelangen Trainings, auf dem Home-Trainer vor dem Gebläse des Wäschetrockners, dessen Belüftungsintervallzeiten bis heute nicht vollständig entschlüsselt werden konnten und somit absolut zufallsgesteuert auftreten. Aus den Augenwinkeln erkennt A-Triathlet wie sich eine Alufelge mit Schwalbe Allrounder Bereifung nähert … und … und vorbeifährt. [Die zulässige Zeit für Überholmanöver auf IRONMAN Veranstaltungen wurde um das 92-fache unterboten]

Die von A-Triathlet umgehend eingeleiteten Kontermaßnahmen brechen jäh ab als er mit fach-männ-ischer Expertise erkennt

es ist zu spät, es ist ein W-Triathlet, I got chicked

(Anmk. d. Red.: „W-Triathlet“ ist ein weiblicher Triathlet unbestimmter Altersklasse) A-Triathlet gerät in Hektik, er zieht die Ärmel hoch, reißt die Knielinge bis zu den Schuhen runter, schiebt das Visier nach oben um seinen Umweltsensoren exakte Messungen von Geschwindigkeit, Trittfrequenz und Außentemperatur zu ermöglichen. Seine Augen fixieren das soeben vorbeigeschossene Projektil und liefern Daten zur Berechnung der Fluchtgeschwindigkeit, die notwendige Beschleunigung und den Zeitpunkt, zum dem der Windschatteneintritt erfolgen könnte, als er wieder mit fach-männ-ischer Expertise erkennt

W-Triathlet fährt in kurzem T-Shirt, ohne Handschuhe, ohne Beinlinge, ohne Sturmhaube

Training muss auch mal … leichter sein. A-Triathlet beschließt moderat zu beschleunigen, den dreifachen Windschattenabstand strikt einzuhalten und beruft ein internes Meeting ein, wie mit dieser Situation an einem schönen Frühjahrstag im April umzugehen ist. Bevor das Meeting aufgenommen wird und mit der Feststellung der Beschlußfähigkeit beginnt, wird ad hoc angewiesen die Kleiderordnung wieder herzustellen. Nachfolgende Autofahrer verharren, als sie sehen wie A-Triathlet atemberaubende gymnastische Übungen beginnt um auf den Radschuhen festhängende Knielinge in Position zu bringen. Die Anweisung, den Abstand konstant auf drei Windschattenlängen zu halten erweist sich als nachteilig, weil die für den Vortrieb verantwortlichen Komponenten auf den doppelten Umfang anschwellen und die Knielinge immer wieder Richtung Pedale runterdrücken. Der sonst vom Winddruck fest angepresste Helm flattert wie ein Kinderdrachen hinter ihm her und schnürt die Frischluftzufuhr ab.

Das interne Meeting, dass die auf diese Attacke zwingend notwendigen Maßnahmen beschließen soll, beginnt mit einer Eilmeldung aus der Navigation-Division. „Der Abzweig zum bergigen Abschnitt des heutigen Workout ist nur noch 20 Radlängen voraus.“ Das Meeting wird in Panik beendet, kurzerhand wird einstimmig ein „all out“ beschlossen und als Ziel „Gleiche Höhe zu Beginn der Berg-Etappe“ festgeschrieben.

Training ist immer auch Wettkampf. A-Triathlet geht aus dem Sattel, beugt sich nach vorne um unnötigen Windwiderstand zu vermeiden, schaltet das Getriebe auf größte Übersetzung, festen Willens den Beschluß sofort und gnadenlos erfolgreich umzusetzen. Noch 10 Radlängen … noch 8… Der Pedaldruck wird auf 100% erhöht, der Pedalzug ebenfalls auf 100%, wodurch das stromlose Odometer plötzlich 200% anzeigt und A-Triathlet dies als maximale Performance aller Komponenten wertet. Noch 5… noch 3… … 0. Für die Dauer einer Schwingung eines Cäsium-Atoms, bekannt als kleinste meßbare Zeiteinheit, gelingt es A-Triathlet auf gleiche Höhe zu kommen, bevor er die 7kg Carbon und 73kg Eigenmasse, sowie drei prall gefüllte Flaschen 0,75l Energie-Drink (Marke Schweineplempe), zwei Ersatzschläuche und einen wieder toten Tachometer in eine 90° Grad Linkskurve drückt. Aus den weit geöffneten Froschaugen erkennt A-Triathlet wie W-Triathlet freundlich winkt und mit einem entspannten frühsommerlichen Lächeln die Fahrt geradeaus fortsetzt, wohingegen er nur mit einem Anheben des kleinen rechten Zeigefingers antworten konnte, weil alles andere damit beschäftigt war die 73kg Eigenmasse an den 7kg Carbon festzuklammern. Die 73kg Eigenmasse hatte längst das Vertrauen verloren den richtigen Fahrweg einzuhalten, sodass alles auf die korrekten Entscheidungen des Carbon-Rahmens gesetzt wurde, ähnlich einem Reiter, der fest daran glaubt, dass sein Pferd das Hindernis doch noch überspringen wird.
A-Triathlet musste auf die Froschaugentechnik umschalten, weil Reste winterlichen Streuguts nicht in seiner Kalkulation mit einer maximalen Schräglage bei astronomischer Geschwindigkeit berücksichtigt waren. Eine Situation, die nicht auf seinem Rollenprogramm geübt werden konnte. Eine Anweisung die Performance von 200% auf erträgliche 10% zu reduzieren wurde nicht gegeben. Zu große Scherkräfte, hervorgerufen durch den abrupten Abbruch des Vorschubs, hätten die Berechnung der ballistischen Flugbahn unnötig erschwert.
A-Triathlet meistert die Lage quasi halb-souverain gekonnt, weil herbstliches Laub, abseits des üblichen Fahrwegs, größeren Schaden bei dem „all down“ von ihm fernhält und W-Triathlet längst außer Sichtweite ist. Den letzteren Tatbestand quittiert er mit einem entspannten Gesichtsausdruck. Er klappt das Visier wieder runter, was die Froschaugen wieder in die ursprünglichen Positionen schiebt, setzt sich auf sein Rad und lauscht dem Klang der Messerspeichen, die der Rückenwind leise umsäuselt.

Training muss eben gekonnt sein. Egal was man trainiert.

A-Triathlet 🙂

I got chicked
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