Nur noch Schrott im Keller und der wird jetzt auch langsam noch zuviel. Ich muss feststellen, die Halbwertzeit meiner fahrbaren Untersätze hat drastisch abgenommen. Das liegt aber nicht unbedingt an mangelnder Qualität oder schlechter Pflege. Es muss mit meinem Fahrstil zusammenhängen, weil kaum einer hatte ein natürliches Ende.

Angefangen hat es mit einem für damalige Verhältnisse inovativem Renner aus Aluminium, als viele noch mit einem Stahlrahmen und Klapprädern durch die Gegend tuckerten.

Alu-Rennrad Marke Kettler

Auf so einem lebensgefährlichen Teil würde sich heute niemand mehr freiwillig setzen wollen. Immerhin, es hatte 12 Gänge und wurde stufenlos geschaltet. Mit zwei Shiftern am Unterrohr. Da wurde noch Feingefühl verlangt und Kenntnis darüber was gerade da unten, im Getriebe, passiert. Aeropositionen waren noch nicht erfunden, man war froh wenn überhaupt der Wind ins Gesicht bließ. Bedeutete das doch akzeptable Geschwindigkeit. Geschwindigkeit auf dem Rad war eh ein brisantes Thema. Der Spruch: „Wer bremst, verliert.“ muss aus diesen Zeitalter kommen. Die Bremsen waren so weich, dass man jede Nutzung zuvor anmelden musste. Gewirkt haben sie eigentlich nie. Den Steifigkeitstest bei einem Zusammenstoß mit einem damals noch aus Vollstahl geschmiedeten PKW hat es nicht zur Zufriedenheit des Besitzers bestanden. Leider zu schnell geschrottet.

Raleigh Rennrad

Nun, die Sache mit dem Alu war also nur etwas für Rollenfahrer im Heizungskeller. Im harten Straßeneinsatz musste ein anderes Konzept her. Ein Raleigh aus Reynoldsrohr. Stahl. Reynolds 531. Schwer wie ein Panzer, aber genauso robust. Absolute Outdoor Eignung. Erwähnenswert die Lötösen an den Ausfallenden hinten und an der Gabel vorne. Man konnte in wenigen Minuten zwei Radgepäckträger montieren. Der Test, mit 25kg Camping-Gepäck, auf einer Mittelmeer Rundfahrt, lief ohne Beanstandung. Weniger Spaß hatte der Leichtmatrose auf einem Fährschiff, der die 38kg Gesamtgewicht völlig unterschätzte und drauf verzichtete einen alternativen Parkplatz für diesen roten Möbelwagen zu finden. Ich glaube er hätte sein Schiff damit trimmen können. An den Pedalen waren noch Riemen aus Leder. Da mit den Schuhen rechtzeitig rauszukommen musste man schon beherrschen. Leider fand auch jemand anderes Spaß an dem Rad. Illegal natürlich. Ausnahmsweise nicht geschrottet.

Raleigh Rennrad Brazil-Edition

Bewährtes sollte bleiben, es musste wieder ein Raleigh her. Keine Ahnung, ob es auch andere Hersteller gab. Rennräder wurden bevorzugt für Urlaubsreisen eingesetzt und nicht zum Rennen. Ein Raleigh in der Brazil-Edition. Immerhin, der Rahmen etwas leichter und wahrscheinlich kein Reynoldsrohr mehr. Dafür fing es nach wenigen Jahren an zu rosten. Wohlgemerkt innen, in den Rohren. Als braune Brühe, aus gesammelten Regenwasser und oxidiertem Eisen, suppte es im Trainingslager auf den weiß gefließten Fußboden. Prompt wurde von der Familie ein Fahrverbot ausgesprochen. Mangels Masse wurde das Fahrverbot aufgeweicht und der tägliche Weg zur Arbeit war gerettet. Was den Rost allerdings nicht aufhielt und der Tag nahte an dem Schrotthändler kommen würde. Der kam, so ward es geschrottet.

Principia TSL 26er

Innovativ wie nur was kam der Ersatz aus dem mittlerweile kultigen Triathlon. Ein Principia TSL 26 Zoll. Was für ein Rennwagen gegenüber den stählernen Rostlauben. Aus Alu, so leicht, dass man es tragen konnte. Und robust. Der Tacho zeigte noch keine 200km als der erste Crash-Test an einem Reisebus probiert wurde. Das Rad überlebte, der Fahrer auch. Der Bus interessiert hier nicht. Der Syntace-Auflieger weggeschräddert und das Schmuckstück zum klassischen Rennrad degradiert. Es gibt Ersatzteile und der Idealzustand war schnell wieder hergestellt. 26 Zoll Laufräder, was für eine Wendigkeit, die anderen, mit ihren 28er Hochsitzrädern, waren zum Abschuß freigegeben. Yeepee. Grip-Shift-Raster-Schaltung, der Automatikwagen unter den Rennrädern. Nur noch in der Aeroposition fahren, die Hände an den Drehschaltern und die Radlerwelt kennt keine Grenzen. Nach 10 Jahren kam noch das historische H-Zeichen an den Rahmen und es war klar. Das Rad geht mit in die Rente. Der Lack so gut wie neu, einzig die Kette roch penetrant nach Nähmaschinenöl. Dann kam das historische Rennen in der Stadt mit dem Dom. Am Rhein. Wie heute, so auch damals, waren die Wettkampfstrecken schlecht gesichert und Querverkehr setzte der Ära Principia ein jähes Ende. Geschräddert.

Cannondale Slice 105

Jahre nach dem Schock, der Bedarf an einem weiteren Rennrad war auf Null gesunken, kam die Wende. Es soll nochmal Triathlon werden und ein Triathlet braucht ein Triathlonrad. Aluminium gab’s mittlerweile nur noch im Museum, Carbon war angesagt, umgebaute Joghurtbecher. Dieser hohle und zerbrechliche Klang, so ganz anders als zähes Metall. Cannondale Slice 105 nannte sich der hochbeinige Rennwagen. Nun ich muss zugestehen, extrem robust. Die Stürze nahmen kein Ende und das Dingen rollte wie ein Uhrwerk, auch wenn es den Klang hatte, als würde es jeden Moment zersplittern. Wenn es sauber war, dann sah es auch nach etwas aus, aber wann ist ein weißes Rad schon sauber. Nie, wenn einem das Nähmaschinenöl nur so um die Ohren fliegt. Aus Grip-Shift wurden Shifter und aus 7-fach wurde 9-fach. 26 Zoll war vorbei, 28 Zoll mussten sein, klar werden doch unsere Straßen immer ruppiger. Und ab dem Tag der Jungfernfahrt war jede Serpentine eine Gefahr. Geradeauslauf ersetzte die Spritzigkeit und die motorischen Fähigkeiten des Fahrers, gut reden wir über bessere Dinge. Es sollte nicht allzu lange währen bis der ultimative Crash-Test die Festigkeit des Carbons nachweisen sollte. Diesmal war es nicht der Querverkehr, sondern der Gegenverkehr, der den Spaßfaktor spürbar herabsetzte. Nun der Gegenverkehr wurde sprichwörtlich auf die Gabel genommen, allerdings gingen dabei zwei von zwei Zinken verloren, also alle. Der Fahrer etwas benommen wie nach einer schlechten Party und nur noch bedingt einsatzfähig. Der Gegenverkehr, der interessiert hier nicht. Carbon, nicht geschräddert, sondern gesplittert. Sliced.

Fuji Norcom Straight 1.1

Wie das so ist, es gab zunächst einmal keinen Bedarf an einem neuen Renwagen, stand das in Scheibchen geschnittene Slice doch noch zur Begutachtung in der Werkstatt. Tja, und dann steht da so eine umgebaute Sofortbild-Kamera von Fuji. Keine Ahnung, dass die auch Rennräder haben. Aber sofort ein Bild davon machen. Fuji Norcom Straight 1.1. Eine tiefergelegte Nähmaschine. Eine Nummer schneller als das Slice und grau. Grau, wegen dem Nähmaschinenöl super innovativ, klar. Und noch mehr Carbon, noch mehr hölzerner Klang. Ekelhaft laut, aber schnell. Ich muss feststellen, Geschwindigkeit ist in einem gewissen Rahmen doch käuflich.
Der Crash-Test steht noch aus. Hoffentlich findet der auch nie statt, denn diese Maschine trägt mittlerweile das Kona-Label auf der Stirn und ist damit unbezahlbar geworden.

So unterschiedlich all diese Räder sind, haben sie doch eines gemeinsam.
Einen Gardena Gartenschlauch mit Tacho und den Fahrer.

A-Triathlet 🙂

Stahl, Alu und Carbon
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