Wahrscheinlich doch ein bisschen mehr die Hölle als der Himmel. Triathlon Langdistanzen der extremen Art rücken mehr und mehr ins Rampenlicht. Wer es durch die Hölle schafft, findet sich im Triathlonhimmel wieder. Keine Ahnung, ob das stimmt.

Es macht den Anschein, dass einigen der Langdistanztriathlon allein nicht mehr hart genug ist und Alternativen gesucht werden. Als Normalsterblicher stellt sich da zunächst die Frage, was denn an einer Langdistanz alla Challenge oder IRONMAN noch zu verschärfen ist, ohne Gefahr zu laufen, als verrückt erklärt zu werden. Aus der Sicht eines Normalsterblichen sind diese Klassiker schon unfassbar und jenseits des Vorstellungsvermögens. Ein Marathon zu laufen ist noch begreifbar, aber wer fährt schon 180km Rad und das vor einem Marathon. Das Schwimmen lassen wir mal großzügigerweise gleich weg.

Liebevoll umsorgte Athleten

Aber vielleicht ist es nicht allein die Härte dieser Wettbewerbe, die viele anlockt. Viele dieser extremen Rennen haben auch ein gänzlich anderes Konzept und das macht den Unterschied.

IRONMAN und Challenge haben sich in den letzten Jahren immer weiter in Richtung Urlaubs-Event mit erhöhtem Sportanteil entwickelt. Der eigentliche Wettkampf nimmt einen immer kleiner werdenden Anteil an einer Veranstaltung ein. Eine Pasta-Party, ein Pre-Race, eine Messe passend zum Triathlon, ein After-Race-Dinner, das Ganze in einer Wohlfühlatmosphäre verpackt, ist für viele Triathleten, nebst Anhang, ein gelungenes Fest, für das auch gerne eine Urlaubswoche geopfert wird. Aber nicht nur das Umfeld um den Wettkampf, auch die Durchführung des Ereignisses selbst wird immer umfassender. Professioneller, kann man sagen, ja, aber auch immer mehr zum Wohle des Athleten. Auf welchem Vereinswettlauf bekommt man spätestens nach 5km Wasser, Iso-Getränke, Cola und Riegel gereicht? Schweineplempe kennen die nicht. Droht gar ein Sonnenbrand, steht gleich eine Gruppe Cheer Leader bereit, die einen beim Durchlaufen der Wechselzone mit Sonnenschutzcreme abfeudelt. Im Wechselzelt warten eine Unzahl an Volontären, die einem aus dem klebenden Neo helfen, um den Athleten frisch verpackt auf die Radstrecke zu schicken. Gleich in der nächsten Wechselzone werden ungeniert die verschmierten Trikots in Tüten gestopft und noch schnell die coole Sonnenbrille rübergereicht, nur dass der Triathlet auch ohne Aufenthalt wieder in die nächste Disziplin entlassen wird. Ich bin damit einverstanden, es macht Spaß und alle Hochachtung an die Volontäre, die dass freiwillig und aller meistens ohne Entlohnung machen. Ohne euch würden 15% der „Langdistanzler“ schon in T1 mit halbentkleidetem Neo versterben. Tod durch Ganzkörperverkrampfung, weil das Ganzkörperkondom nicht runter will. Die, die es bis auf die Laufstrecke schaffen, hätten bestimmt noch die Badekappe auf, würdet ihr euch nicht auch noch um die fotogene Gestaltung der Frisur kümmern.

Die Extremen sind auch in dieser Hinsicht extrem, oder besser ausgedrückt „Do it yourself“.

Wenn du es alleine nicht hinbekommst, dann laß es sein.

Nun was macht sie so extrem. Die Länge der Wettkampfstrecke ist definiert und das Langdistanzformat gesetzt. 3,8km, 180km, 42km. Das ist im Verständnis des ambitionierten Triathleten noch halbwegs „Normal“. Das Schwimmen ausnahmslos im Neopren, was das Nichtschwimmer-Triathleten-Herz gleich höher schlagen lässt und erfreut. Die Freude währt nur so lange bis die Erkenntnis reift, dass bei 14° Wassertemperatur die Innentemperatur im Neo auch nicht mehr viel höher liegen wird. Und selbst wenn es im Neo noch zur Zimmertemperatur reicht, die Abkühlung durch Hände, Füße und Gesicht wird kommen und die Kälte feiert jubelnd ihren Einzug in den immer blasser werdenden Körper. Jeder der Extremen hat ein Gewässer gefunden, das mit solchen Temperaturen aufwartet. Entweder Gletschersee oder ein mit Tauwasser gefüllter Fjord mit Anschluss an den Nordatlantik. Oder gleich im Nordatlantik, geht alles. In der Wettkampfbeschreibung liest sich der Hinweis, dass der Cut-Off beim Schwimmen auf 02h15 festgesetzt ist noch völlig ungefährlich und großzügig dimensioniert. Allerdings macht es nicht unbedingt Mut, wenn dann mitgeteilt wird, dass das Schwimmen nach 02h30 beendet wird, egal wo man sich befindet. Es ist zu unterschreiben, dass beim Herausziehen aus dem Wasser keine Gegenwehr geleistet wird, weil eine längere Aufenthaltszeit in eiskaltem Wasser lebensbedrohlich werden kann. Beruhigend wiederum wenn festgestellt wird, dass der schnellste Schwimmer mit 1h56 an Land ging und 90% der Teilnehmer unterhalb der Cut-Off-Zeit das wärmende Handtuch erreichten. Wer jetzt Angst bekommt, es geht noch weiter. Den Schwimmstart kann man auch mit einem Sprung in den Ozean beginnen, wobei doch etliche mit Schnappatmung wieder an der Oberfläche auftauchen, aller meistens noch lebendig. Mit „breath taking“ muss gerechnet werden. Nun gut, auch die Extremen haben Grenzen. Ist das Wasser unter 10° warm, wird die Schwimmstrecke kurzfristig verlegt und wenn die Radstrecke dadurch 20km länger wird, umso besser. Jeder will auf einem epischen Rennen seinen Verstand verlieren. Der Name Duathlon ist quasi unbekannt und wird nur dann ins Kalkül einbezogen, wenn schon an Land Lebensgefahr besteht.

Photo: Paolo Avila, Patagonman Extreme

Es lässt sich erahnen was nun auf der Radstrecke los ist, ging es doch schon beim Schwimmen richtig ab. Das Extreme lässt grüßen. Beim Studium der Radstrecke achtet man besser auf die Höhenmeter, die insgesamt vorgesehen sind, nicht so sehr wie hoch es hinausgeht. Doch Achtung, manchmal ist es auch wichtig zu wissen wie hoch das Ganze angelegt ist. Das einem bei 2700m (Höhe über dem Meeresspiegel) schon mal die Puste ausgehen kann, ist bekannt. Dann ist es wichtig, dass man noch atmet. Sauerstoff sollte man dann so wenig wie möglich verbrauchen. Wenn die Höhenmeter, diesmal nicht die Höhe über Meeresspiegel, sondern die Meter, die immer wieder zu erklimmen sind, nur knapp die Grenze von 3000m überschreiten ist es vielleicht einer der moderateren Extremen. Vielleicht aber auch nur. Entweder sind dann gnadenlose Free-Fall-Strecken eingebaut oder es geht über Hochplateaus auf denen Wind und Wetter alle 2km wechseln. Hat man das Freiluft-Peeling hinter sich geht es eisgekühlt wieder hinunter und das Einzige was wärmt sind die Bremsbeläge, die alle Energie vernichten. Ob der Asphalt fluffig ist, also schön glatt, das interessiert hier niemanden. Wer Versorgung mit Überlebensmitteln sucht, wird enttäuscht. Ein Merkmal der Extremen:

Wenn du etwas brauchst, dann besorge es dir. Hier wird nichts geliefert.

Das man auf der Radstrecke volle Radbeleuchtung benötigt versteht sich. Nie sind die Strecken abgesperrt. Immer bewegt man sich im ganz normalen Straßenverkehr. Also Warnwesten und Beleuchtung sind ein Muss. „Igitt“, ein Rad mit Lampen und dicken, festen, stabilen Reifen, eine Warnweste über dem Einteiler. Ganz und gar nicht das, wonach die echten Triathleten lechzen, die doch selbst die Gel-Tüten aerodynamisch am Oberrohr verkleben.

Bildergebnis für xtri triathlon
Photo: Winterman Extreme

Wem nach der Radstrecke, wie gesagt 180km, noch danach ist einen Marathon zu laufen, soll ihn beginnen. Ob man ihn noch laufen kann, wird man feststellen. Laufen ist auch etwas übertrieben. Keiner der Extremen ermöglicht es den Marathon durchzulaufen. Entweder geht es gleich über Berg und Stein oder es wird zum Ende hin immer schlimmer, sodass Laufen nicht mehr die angesagte Fortbewegung ist. Gehen oder Klettern, je nach dem. Die zu überwindenden Höhenmeter übertreffen oft das, was einem auf dem Rad schon zu schaffen machte. Zwei Paar Laufschuhe, für extrem wechselndes Terrain, scheinen genauso wichtig zu sein wie Rettungskleidung und Telefonverbindung. Letztes ist auf den Laufstrecken verpflichtend. Stirnlampe, Reflektoren und Handy als Ausrüstung für einen Marathon. Geht’s noch?

Bildergebnis für xtri triathlon
Photo: Mondo Triathlon Extreme

Die Extremen sind keine Wettkämpfe, die der Triathlet alleine bestreitet. Die Veranstalter erlauben Supporter. Eine oder manchmal zwei Personen dürfen benannt werden, die in den Wechselzonen helfen, die unterwegs an den vorgeschriebenen Versorgungsstellen Kleidung und Lebensmittel reichen. Die sich drum kümmern, dass der vereiste Neo nicht zurückbleibt und auch das Rad direkt nach dem Wechsel in Verwahrung nehmen. In den meisten Fällen dürfen oder besser gesagt müssen Supporter den Triathlet auf den letzten 10km begleiten. Mit eigener Kraft, kein Motorrad oder Auto. Sie dürfen hinterherlaufen und wie ein Sherpa das Gepäck tragen, für den Extremen, der sich selbst kaum noch schleppen kann. Sie dürfen niemals vorweg laufen und die Pace machen.
So einen Supporter oder eine Supporterin muss erst einmal gefunden werden. Wasser für sich, den Supporter, und den ausgetrockneten, überhitzen Vordermann, Kohlehydrate in welcher Form auch immer, wetterfeste Ersatzkleidung und die Telefonverbindung, ganz wichtig. Und dann läuft sie oder er hinterher und der vorne, der Hauptdarsteller, kann nicht mehr. Da kommt Spaß auf. Nun man muss ihn finden, den Logistiker, den Besenwagenfahrer, den Wasserträger, den Mentaltrainer, den privaten Volontär, der nicht vom Veranstalter gestellt wird. Ohne ihn gibt es keinen Extremen. Ohne Supporter keinen Wettkampf, so ganz klar die Ansage der Veranstalter.

Der logistische Aufwand auf den Extremen ist enorm. Die meisten Strecken bleiben nicht an einem Ort mit einer zentralen Wechselzone. Bei vielen liegen die Wechselzonen und das Ziel weit auseinander, sehr weit. Das Timing zwischen Triathlet und Supporter muss gut ausgeklügelt sein und für jede unerwartete Situation ein Ersatzplan her. Das verlangt viel mehr Vorbereitung und Beschäftigung mit dem Wettkampf, der Strecke und erfordert ein blindes Verständnis über das, was der jeweils andere in dieser oder jener nicht vorhersehbaren Situation tun würde. Die Veranstalter werben damit, dass sie für einen Zusammenhalt stehen, für eine Teambildung und das Supporter nicht nur nette Zuschauer sind, sondern Wesentliches dazu beitragen und für das Gelingen absolut wichtig sind. Es ist kein Wettkampf der Triathleten, sondern der Gemeinschaften.

Preisgelder und Prämien hat man nicht zu erwarten, Medaillien sind verpönt. Das man das Ziel erreicht ist Auszeichnung genug. Werden dann mal Preisgelder vergeben wird offen erwartet, dass sie zu wohltätigen Zwecken gespendet werden.

Hat man das Ziel erreicht, bleibt alles Irdische zurück. Es kommt also nach der Hölle doch ein bisschen Himmel.

Auf welchem Extremen sehen wir uns?

A-Triathlet 🙂

Himmel oder Hölle
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